Tractatus
logico-philosophicus
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4 |
Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. |
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4.001 |
Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache. |
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4.002 |
Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder
Sinn ausdrücken läßt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was
jedes Wort bedeutet. - Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die
einzelnen Laute hervorgebracht werden. |
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4.003 |
Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge
geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können
daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre
Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen
beruhen darauf, daß wir unsere Sprachlogik nicht verstehen. |
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4.0031 |
Alle Philosophie ist "Sprachkritik". (Allerdings nicht im Sinne MAUTHNERs.) RUSSELLs Verdienst ist es, gezeigt zu haben, daß die scheinbar logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muß. |
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4.01 |
Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. |
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4.011 |
Auf den ersten Blick scheint der Satz - wie er etwa auf dem Papier gedruckt steht - kein Bild der Wirklichkeit zu sein, von der er handelt. Aber auch die Notenschrift scheint auf den ersten Blick kein Bild der Musik zu sein, und unsere Lautzeichen- (Buchstaben-) Schrift kein Bild unserer Lautsprache. Und doch erweisen sich diese Zeichensprachen auch im gewöhnlichen Sinne als Bilder dessen, was sie darstellen. |
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4.012 |
Offenbar ist, daß wir einen Satz von der Form "aRb" als Bild empfinden. Hier ist das Zeichen offenbar ein Gleichnis des Bezeichneten. |
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4.013 |
Und wenn wir in das Wesentliche dieser Bildhaftigkeit eindringen, so
sehen wir, daß dieselbe durch 'scheinbare Unregelmäßigkeiten' (wie die
Verwendung der # und b in der Notenschrift) 'nicht' gestört wird. |
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4.014 |
Die Grammophonplatte, der musikalische Gedanke, die Notenschrift, die Schallwellen, stehen alle in jener abbildenden internen Beziehung zueinander, die zwischen Sprache und Welt besteht.Ihnen allen ist der logische Bau gemeinsam. (Wie im Märchen die zwei Jünglinge, ihre zwei Pferde und ihre Lilien. Sie sind alle in gewissem Sinne Eins.) |
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4.0141 |
Daß es eine allgemeine Regel gibt, durch die der Musiker aus der Partitur die Symphonie entnehmen kann, durch welche man aus der Linie auf der Grammophonplatte die Symphonie und nach der ersten Regel wieder die Partitur ableiten kann, darin besteht eben die innere Ähnlichkeit dieser scheinbar so ganz verschiedenen Gebilde. Und jene Regel ist das Gesetz der Projektion, welches die Symphonie in die Notensprache projiziert. Sie ist die Regel der Übersetzung der Notensprache in die Sprache der Grammophonplatte. |
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4.015 |
Die Möglichkeit aller Gleichnisse, der ganzen Bildhaftigkeit unserer Ausdrucksweise, ruht in der Logik der Abbildung. |
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4.016 |
Um das Wesen des Satzes zu verstehen, denken wir an die
Hieroglyphenschrift, welche die Tatsachen die sie beschreibt abbildet. |
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4.021 |
Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit: Denn ich kenne die von ihm dargestellte Sachlage, wenn ich den Satz verstehe. Und den Satz verstehe ich, ohne daß mir sein Sinn erklärt wurde. |
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4.022 |
Der Satz zeigt seinen Sinn. |
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4.023 |
Die Wirklichkeit muß durch den Satz auf ja oder nein fixiert sein. |
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4.024 |
Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr
ist. |
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4.025 |
Die Übersetzung einer Sprache in eine andere geht nicht so vor sich,
daß man jeden 'Satz' der einen in einen 'Satz' der anderen übersetzt,
sondern nur die Satzbestandteile werden übersetzt. |
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4.026 |
Die Bedeutungen der einfachen Zeichen (der Wörter) müssen erklärt
werden, daß wir sie verstehen. |
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4.027 |
Es liegt im Wesen des Satzes, daß er uns einen 'neuen' Sinn mitteilen kann. |
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4.03 |
Ein Satz muß mit alten Ausdrücken einen neuen Sinn mitteilen. |
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4.031 |
Im Satz wird gleichsam eine Sachlage probeweise zusammengestellt. |
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4.0311 |
Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze - wie ein lebendes Bild - den Sachverhalt vor. |
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4.0312 |
Die Möglichkeit des Satzes beruht auf dem Prinzip der Vertretung von
Gegenständen durch Zeichen. |
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4.064 |
Jeder Satz muß 'schon' einen Sinn haben; die Bejahung kann ihn ihm nicht geben, denn sie bejaht ja gerade den Sinn. Und dasselbe gilt von der Verneinung, etc. |
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4.0641 |
Man könnte sagen: Die Verneinung bezieht sich schon auf den logischen
Ort, den der verneinte Satz bestimmt. Der verneinende Satz bestimmt einen
'anderen' logischen Ort als der verneinte. |
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4.1 |
Der Satz stellt das Bestehen und Nichtbestehen der Sachverhalte dar. |
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4.11 |
Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften): |
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4.111 |
Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften. |
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4.112 |
Der Zweck der Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein
philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen. |
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4.1121 |
Die Psychologie ist der Philosophie nicht verwandter als irgendeine
andere Naturwissenschaft. |
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4.1122 |
Die DARWINsche Theorie hat mit der Philosophie nicht mehr zu schaffen als irgendeine andere Hypothese der Naturwissenschaft. |
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4.113 |
Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft. |
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4.114 |
Sie soll das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare. Sie soll das Undenkbare von innen durch das Denkbare begrenzen. |
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4.115 |
Sie wird das Unsagbare bedeuten, indem sie das Sagbare klar darstellt. |
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4.116 |
Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen. |
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4.12 |
Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muß, um sie darstellen zu können - die logische Form.Um die logische Form darstellen zu können, müßten wir uns mit dem Satze außerhalb der Logik aufstellen können, das heißt außerhalb der Welt. |
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4.121 |
Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in
ihm. Er weist sie auf. |
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4.1211 |
So zeigt ein Satz "fa", daß in seinem Sinn der Gegenstand
"a" vorkommt, zwei Sätze "fa" und "ga",
daß in ihnen beiden von demselben Gegenstand die Rede ist. |
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4.1212 |
Was gezeigt werden 'kann, kann' nicht gesagt werden. |
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4.1213 |
Jetzt verstehen wir auch unser Gefühl: daß wir im Besitze einer richtigen logischen Auffassung seien, wenn nur einmal alles in unserer Zeichensprache stimmt. |
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5.6 |
'Die Grenzen meiner Sprache' bedeuten die Grenzen meiner Welt. |
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5.61 |
Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre
Grenzen. |
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5.62 |
Diese Bemerkung gibt den Schlüssel zur Entscheidung der Frage,
inwieweit der Solipsismus eine Wahrheit ist. |
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5.621 |
Die Welt und das Leben sind Eins. |
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5.63 |
Ich bin meine Welt. (Der Mikrokosmos.) |
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5.631 |
Das denkende, vorstellende, Subjekt gibt es nicht. |
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5.632 |
Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt. |
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5.633 |
Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken? Und nichts 'am Gesichtsfeld' läßt darauf schließen, daß es von einem Auge gesehen wird. |
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5.6331 |
Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht etwa eine solche Form: |
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5.634 |
Das hängt damit zusammen, daß kein Teil unserer Erfahrung auch a
priori ist. |
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5.64 |
Hier sieht man, daß der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem reinen Realismus zusammenfällt. Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen, und es bleibt die ihm koordinierte Realität. |
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5.641 |
Es gibt also wirklich einen Sinn, in welchem in der Philosophie
nicht-psychologisch vom Ich die Rede sein kann. |
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6.362 |
Was sich beschreiben läßt, das kann auch geschehen, und was das Kausalitätsgesetz ausschließen soll, das läßt sich auch nicht beschreiben. |
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6.363 |
Der Vorgang der Induktion besteht darin, daß wir das 'einfachste' Gesetz annehmen, das mit unseren Erfahrungen in Einklang zu bringen ist. |
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6.3631 |
Dieser Vorgang hat aber keine logische, sondern nur ein psychologische
Begründung. |
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6.36311 |
Daß die Sonne aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir 'wissen' nicht, ob sie aufgehen wird. |
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6.37 |
Einen Zwang, nach dem Eines geschehen müßte, weil etwas anderes geschehen ist, gibt es nicht. Es gibt nur eine 'logische' Notwendigkeit. |
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6.371 |
Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien. |
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6.372 |
So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem
stehen, wie die älteren bei Gott und dem Schicksal. |
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6.373 |
Die Welt ist unabhängig von meinem Willen. |
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6.374 |
Auch wenn alles, was wir wünschen, geschähe, so wäre dies doch nur, sozusagen, eine Gnade des Schicksals, denn es ist kein 'logischer' Zusammenhang zwischen Willen und Welt, der dies verbürgte, und den angenommenen physikalischen Zusammenhang konnten wir doch nicht selbst wieder wollen. |
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6.375 |
Wie es nur eine 'logische' Notwendigkeit gibt, so gibt es auch nur eine 'logische' Unmöglichkeit. |
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6.3751 |
Daß z.B. zwei Farben zugleich an einem Ort des Gesichtsfeldes sind,
ist unmöglich und zwar logisch unmöglich, denn es ist durch die logische
Struktur der Farbe ausgeschlossen. |
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6.4 |
Alle Sätze sind gleichwertig. |
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6.41 |
Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt 'in' ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was es nicht-zufällig macht, kann nicht 'in' der Welt liegen; denn sonst wäre dies wieder zufällig. Es muß außerhalb der Welt liegen. |
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6.24 |
Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt. |
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6.422 |
Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der
Form "du sollst ..." ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue?
Es ist aber klar, daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im
gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muß diese Frage nach den 'Folgen'
einer Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht
Ereignisse sein. Denn etwas muß doch an jener Fragestellung richtig sein.
Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber
diese müssen in der Handlung selbst liegen. |
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6.423 |
Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden. |
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6.43 |
Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die
Grenze der Welt ändern, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die
Sprache ausgedrückt werden kann. |
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6.431 |
Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört. |
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6.4311 |
Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. |
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6.4312 |
Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also
ihr ewiges Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise
verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man
immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst,
daß ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso
rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in
Raum und Zeit liegt 'außerhalb' von Raum und Zeit. |
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6.432 |
'Wie' die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich 'in' der Welt. |
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6.4321 |
Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung. |
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6.44 |
Nicht 'wie' die Welt ist, ist das Mystische, sondern 'daß' sie ist. |
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6.45 |
Die Anschauung der Welt 'sub specie aeterni' ist ihre Anschauung als-begrenztes-Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische. |
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6.5 |
Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die
Frage nicht aussprechen. |
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6.51 |
Skeptizismus ist 'nicht' unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig,
wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann. |
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6.52 |
Wir fühlen, daß selbst, wenn alle 'möglichen' wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. |
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6.521 |
Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses
Problems. |
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6.522 |
Es gibt allerding Unaussprechliches. Dies 'zeigt' sich, es ist das Mystische. |
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6.53 |
Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, daß wir ihn Philosophie lehrten - aber 'sie' wäre die einzig streng richtige. |
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6.54 |
Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht,
am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie
hinausgestiegen ist.) |
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7 |
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. |
Ende